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Toxisches vermeiden

Von Ulrike Blatter | ub. Gottmadingen – Tatsächlich – es gibt ein Gegengift. Und es wirkt. Aber es erfordert ein bisschen Arbeit. Und – ja, das will ich nicht verschweigen: Grips. Und Mut. Aber jetzt der Reihe nach.

Das 3-Stufen-Konzept zur Entgiftung medialer Diskussionen

Der Anschlag in Berlin hat es mal wieder gezeigt: Die Blaulichter zucken noch am Tatort und schon wird von Seiten gewisser Kameraden aus allen Rohren geschossen bzw. getwittert und gepostet – und zwar auf Teufel komm raus. Wobei in diesem Zusammenhang das Wortspiel mit dem personifizierten Bösen der Realität schon ziemlich nahe kommt.

Abstruse Verschwörungstheorien, stereotype Feindbilder, geschmacklose Tabubrüche, offensichtliche Lügen und vorschnelle Schuldzuweisungen gehören dank einer gewissen Partei mittlerweile zum politischen Alltag und mit Erschrecken sehen wir, wie der Umgangston – nicht nur im Netz – rüder wird, wie Pöbeleien zunehmen und der politische Diskurs immer mehr auf das Niveau einer Fußball-Fanmeile absackt – frei nach dem Motto: wer am lautesten und unflätigsten brüllt, hat recht.

Wenn sich die Blöcke erst einmal unversöhnlich gegenüber stehen, wird jegliche Diskussion unmöglich, große Teile der Bevölkerung gelten bei Meinungsforschern mittlerweile für Argumente als „nicht mehr erreichbar“. Die gesellschaftliche und politische Atmosphäre wird als vergiftet beschrieben und genauso wie unsere Großstädte bei Inversionswetter mit dem Feinstaub kämpfen, ist auch bei unseren Diskussionen oft „oben der Deckel drauf“, während unten munter weiter Gift verspritzt wird, so dass der gesellschaftliche Smog immer dichter wird.

Stoße ich auf einen solchen toxischen Kommentar, ist die Versuchung groß, mich zu äußern. Schnell ist eine ironische Entgegnung getippt – aber es lohnt sich einen Moment nachzudenken, bevor man sie tatsächlich postet. Denn oft werden Argumente der politischen Gegenseite gerade dadurch, dass man sie zu widerlegen sucht, erst so richtig bekannt gemacht.
Diese Ambivalenz kommt in dem öfters gehörten Stoßseufzer ganz gut zum Ausdruck: „Müssen wir eigentlich über jedes Stöckchen springen, das uns die AfD hinhält?“

Meine Meinung: Niemand muss springen.

Und wenn ein großer Teil für Argumente sowieso nicht erreichbar ist, bringt es auch nichts, wenn wir uns in fruchtlosen Diskussionen mit unflätigen Trollen aufreiben.

Also, einfach alles hinnehmen? Ganz klares Nein.

Es geht darum, schrittweise angepasste Kommunikationsstrategien zu entwickeln. Dazu gehört auch eine gewisse Selbstkontrolle bei kritischen, ironischen und ach so gut formulierten Kommentaren. Bevor wir auf „Senden“ klicken, sollten wir uns Gedanken darüber machen, was wir auslösen.

Stufe 1 der Entgiftung: kluge Ignoranz

Das Echo rund um die Ereignisse in Berlin zeigt zum Beispiel sehr deutlich, dass Schweigen und langsamere Reaktionen nicht als Feigheit oder Wegducken interpretiert wurden, sondern ganz im Gegenteil als Respekt vor den Opfern, als angemessene Pause zur Besinnung und als wohltuender Gegensatz zum wohlfeilen Rechtsaußen-Geplapper der anderen Seite.

Sicher habt ihr es schon bemerkt: Ich vermeide den Namen der Partei, die ich meine. Warum? Ich gebe mal ein Beispiel aus der Hundeerziehung. Nenne ich meinen Hund beim Namen, dann spitzt er die Ohren, freut sich und kommt zu mir. Will ich das vermeiden und nenne ihn nur „Hund“, dann hat er mittlerweile auch verstanden, dass er gemeint ist. Kurz und gut – ich brauche nicht AfD zu schreiben, damit ihr wisst, wen ich meine. Aber ich vermeide den Parteinamen und die Namen gewisser Politiker, da ich ihnen allein dadurch ein Stück Öffentlichkeit wegnehme.

Ich gebe zu, dass ist nicht viel. Aber es geht schon mal in die richtige Richtung.

Simon Hurtz (SZ) nennt das „souveräne Ignoranz“ und bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Wenn populistische Brandstifter in einem strukturell auf Emotionalität und Eskalation angelegten Medium wie Twitter zündeln, hoffen sie auf einen Flächenbrand. Wer Idioten retweetet, teilt ihre Botschaft. Wer Screenshots von Idioten macht, verbreitet deren Hetze.“ [1] (https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/2016/12/22/toxische-kommentare-nicht-mit-uns/#_ftn1)

Da reines „Totschweigen“ nicht immer funktioniert (so naiv sind selbst wir bekennenden Gutmenschen nicht 😉 ), empfiehlt er als nächsten Schritt den „entschiedenen Widerspruch“ durch überlegte und kluge Kommentare und bringt dafür Beispiele.

Ich möchte diesen Schritt ergänzen durch den Begriff „Gegengift bei toxischen Kommentaren“. Zum entschiedenen Widerspruch komme ich weiter unten. Aus der Medizin wissen wir, dass ein Gegengift (Antidot) Gifte neutralisieren kann. So etwas brauchen wir also. Aber wie soll das konkret aussehen? Gibt es für das Formulieren eines verbalen Gegengiftes Tipps und / oder Regeln?

Ja, die gibt es tatsächlich.

Stufe 2 der Entgiftung: Positive Kommentare

Als Sozialpsychiaterin und Therapeutin dachte ich in den letzten Monaten öfters „wie krank ist das denn?“ und mir schossen diverse Diagnosen durch den Kopf. Von dort bis zur Überlegung, „was würde ich bei einem Patienten tun“, bis zum Gedanken „Wie kann ich therapeutische Ansätze in diesen Diskussionen nutzen“ war es dann nicht mehr so weit.

Schauen wir uns doch unsere „Patienten“ (ups!) Diskussionspartner in den sozialen Medien etwas genauer an. Da gibt es solche, die schon dicht dran sind am wahnhaften Erleben. Das ist der Teil der Menschheit, der ein geschlossenes Weltbild hat, und da könnten wir uns die Finger wund twittern, das ist vergebene Liebesmüh, da helfen wirklich nur noch Pillen (und zwar die ganz bittere Medizin – aber dazu komme ich später). Die sollten wir erst mal außen vor lassen.

Mir geht es darum, diese beiläufigen, so moderat und vernünftig klingenden Posts zu entgiften (Im Stil von: „man wird ja noch mal sagen dürfen, dass ….“ „Hier endlich die Wahrheit hinter den Meldungen der Lügenpresse …“ Habt ihr schon gehört, was uns wieder verschwiegen wurde …“ Dazu kräftig manipulierte Statistiken, Verschwörungstheoretiker mit Professorentitel und ähnlich seriös Getarnte, die den manipulativen Nebelwerfer installieren um fleißig Gift in alle Diskussionen zu pumpen.)

Hier empfehle ich als Gegengift die Umdeutung von negativen in positive Kommentare.

Ich gebe mal ein einfaches Beispiel aus der kognitiven Psychotherapie:

Eine Patientin sagt über sich selbst: „Ich bin zu dick.“ Diese negative Selbstwahrnehmung soll sie nun (aus therapeutischen Gründen) umdeuten und anders formulieren. Ganz klar, was sagt sie? „Ich bin NICHT zu dick.“

Aber genau das ist falsch. Denn unser Gehirn kann Negationen nicht verarbeiten. Es ist so konstruiert, dass es immer noch hört „Ich bin zu dick.“ Das ist blöd, aber so ist es leider nun mal und das macht die Sache ein wenig kniffelig. Als Therapeutin rate ich meiner Patientin dann zu positiv formulierten Aussagen. Zum Beispiel: „Ich bin ein Vollweib.“ Oder: „Ich liebe meine Kurven.“ Oder auch nur ganz einfach: „Meine Figur ist total ok.“

Und was bedeutet das im Fall der toxischen Kommentare? Da müssen wir nun tatsächlich etwas Hirnschmalz investieren, klug und besonnen antworten und vor allem unsere Quellen checken, das heißt einen Sachverhalt auch mal gründlich recherchieren. Auf Neudeutsch heißt das Faktencheck. Manchmal mühsam, oft lehrreich, aber: es lohnt sich!

Nehmen wir mal als Beispiel ein Foto von drei Glatzen, die die Reichskriegsflagge präsentierten unter der Überschrift „Für ein freies und souveränes Deutschland“ (selbstverständlich in Frakturschrift). Hier lohnt sich den Begriff der „Freiheit“ auszuloten; dass die Freiheit des Andersdenkenden dazugehört, dass wir in einem freien Staat leben, in dem sich auch Glatzen öffentlich äußern dürfen. Dazu gehören dann aber auch die Grenzen der freien Meinungsäußerung. Ich zitiere da gern einmal Artikel 19 der UN-Erklärung der Menschenrechte bzw. verweise auf den UN-Zivilpakt: „Die Freiheit der Meinungsäußerung ist allerdings nur im Rahmen der anderen Menschenrechte geschützt. Sie findet daher ihre Grenze, wenn sie die Ehre anderer Menschen verletzt, oder zur Verletzung ihrer körperlichen Integrität oder ihrer Freiheit aufruft. Rassismus und Gewaltverherrlichung ist damit von der Meinungsfreiheit nicht mehr gedeckt.“[2] (https://ulrikeblatterblog.wordpress.com/2016/12/22/toxische-kommentare-nicht-mit-uns/#_ftn2)

Anderes Beispiel: Vermischung von verschiedenen Themen. Diese Zeitgenossen machen nämlich gerne einmal den gaaanz großen Rundumschlag und vermischen sexuelle Gewalt (gegen Frauen, Kinder, Tiere) mit Fremdenhass und allgemeiner System-Schelte, was dann (oft unterlegt von martialischer Musik und / oder zu Herzen gehenden Kitschphotos) zu Rufen nach Rücktritt führender PolitikerInnen oder gleich zur Forderung führt, dass man den oder die Verantwortlichen doch an die Wand stellen, steinigen oder aufhängen möge („ich denke mir das nicht aus ….).

Aufgepasst! Entweder handelt es sich hier um geschlossene Wahnwelten, die wir unter Stufe 3 „behandeln“ werden oder wir sollen emotional aus der Reserve gelockt werden, so dass wir selber impulsiv und kopflos reagieren. Schnell ist man da moralisch in der Defensive: Zum Beispiel wird unterstellt, man sei FÜR Kindesmissbrauch oder die Kinderehe …). Und schon haben alle Beteiligten Schaum vor dem Mund … das Gift spritzt und wir haben genau das Gegenteil von dem erreicht, was wir eigentlich wollten.

Hier hilft es, darauf hinzuweisen, dass jede Gesellschaft Probleme hat. Dann sollte man ganz konkret EINS (in Zahlen: 1 !! 😉 ) herausgreifen und aufzeigen, was bereits getan und erreicht wurde (z.B. Runder Tisch zum sexuellen Kindsmissbrauch, Rechtsprechung etc.).

Lasst Euch nicht aufs Glatteis einer völlig verzettelten Diskussion locken!

Positive Kognitionen erzeugen heißt: Keine Gesellschaft ist perfekt. Aber wir arbeiten daran – und zwar konkret an folgenden Punkten ….

Ermöglicht einen anderen, einen positiveren Blick auf unsere Lebenswelten. Ganz konkret möchte ich hier die jungen Menschen ansprechen – kommt raus aus Euren Filterblasen, verteidigt Eure Welt, die euch internationalen Austausch, freies Reisen und Perspektiven im Privatleben ermöglicht, von denen unsere Generation noch nicht einmal zu träumen wagte!

Zum Thema positive Kognitionen und Umdeutungen sammle ich gern im Austausch mit meinen LeserInnen und Followern weitere konkrete Beispiele. Meldet Euch, diskutiert in Euren Foren und geschlossenen Gruppen (also im geschützten Umfeld) welche Kommentare am besten passen, welche entgiften und positiv wirken. Lasst Euch Zeit! Ihr habt zwar nicht alle Zeit der Welt, aber niemand zwingt uns zu überhasteten Reaktionen.

Und jetzt folgt Stufe 3 der Entgiftung: die bittere Pille der Strafanzeige

Im Gegensatz zu Simon Hurtz, der es bei klugen Kommentaren belässt, möchte ich den „entschiedenen Widerspruch“ mit Strafanzeige übersetzen. Denn wenn keine Argumente mehr helfen, wenn das Gegengift wirkungslos bleibt, dann müssen wir uns wehren. Und zwar mit den Mitteln, die uns der Rechtsstaat zur Verfügung stellt.

Die Grenzen der freien Meinungsäußerung habe ich oben erwähnt. Ganz generell gilt auch im Netz, was im wahren Leben an Umgangsformen gelten sollte. Fälschungen und Falschmeldungen in den Printmedien, TV und Radio sind strafbar und / oder ziehen eine Gegendarstellung nach sich. Warum sollte das im Netz nicht Gültigkeit haben?

Fragt mal nach bei Facebook! Ganz ehrlich: ich habe es (fast) aufgegeben, bedenkliche Inhalte zu melden, da es schlicht nicht zielführend ist. Zu oft habe ich in den letzten Monaten gelesen: „Dieser Post verstößt nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards… .“

Die Rechtsprechung wird sich ändern, da bin ich sicher, aber so lange können wir tatsächlich nicht darauf warten, hier müssen wir schneller Initiative ergreifen.

Das ist gar nicht so schwer, erfordert aber ein bisschen Zeit.

1. Dokumentiert bedenkliche Inhalte (mit Browserzeile) per Screenshot
2. Dokumentiert das Facebook-Profils des jeweiligen Nutzers
3. Recherchiert im Netz, soweit möglich, wer dahinter stecken könnte. Nicht alle Hetzer betreiben Fake-Accounts. Man wundert sich wirklich, wie viele von denen ohne große Mühe über den Klarnamen identifizierbar sind. Die Polizei freut sich, wenn ihr diese Arbeit erledigt. Auch hier gilt: alles per Screenshot dokumentieren. Selbst wenn Inhalte gelöscht wurden, können diese oft noch durch die Polizei rekonstruiert werden, aber Eure Recherche muss sauber sein.
4. Wo erstatte ich Anzeige? Hier, bei http://www.online-strafanzeige.de/
5. Kann ich als Anzeigender Probleme bekommen? Nein. Es sei denn, Du verleumdest jemanden. Eine Anzeige zu stellen, bedeutet, dass Du auf einen Sachverhalt aufmerksam machst und um Abklärung bittest. Falls es sich um eine strafbare Handlung handelt, wird die Tat weiterverfolgt werden. Da wir keine Querulanten sind und Besseres zu tun haben als gewohnheitsmäßig Strafanzeigen zu stellen, bin ich sicher, dass jede Eurer Anzeigen weiter verfolgt wird und dass – sofern die Identität festgestellt werden kann – es auch empfindliche Strafen hageln wird.

Viele konkrete Tipps hierzu findet Ihr hier. Voltaire wird das folgende Zitat zugeschrieben: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“

Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen dort, wo sie zur Zerstörung und Vergiftung eines Gemeinwesens führt. Viele von uns haben inzwischen begriffen, dass wir unsere Zivilgesellschaft verteidigen müssen. Und dass jede/r einzelne dabei wichtig ist.

Denn in dem Land, das entstehen würde, wenn „die“ gewinnen, wollten sie wohl selbst nicht mehr leben. Also aufwachen, bevor uns der Laden um die Ohren fliegt.

Nehmt Euch Zeit. Tauscht Euch aus. Schafft geschützte Räume. Und dann macht Ihr Eure Schritte in eine entgiftete Zukunft.

Schritt 1: Kluge Ignoranz
Schritt 2: Positive Kommentare
Schritt 3: Aktiver Widerstand und Anzeige erstatten

Ulrike Blatter

ist Ärztin und freie Autorin

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