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Was zu tun ist

Von Ulrike Blatter | ub. Gottmadingen – Ein paar Gedanken abseits wohlfeiler verbaler Schnellschüsse.

Als Ärztin habe ich auf Intensivstationen gearbeitet, in der Rehabilitation und in der Rechtsmedizin u.a. im Bereich Unfallbegutachtung. Wenn ich jetzt höre, dass einige Tote noch nicht identifiziert wurden und immer noch Verletzte um ihr Leben ringen, dann weiß ich nur zu genau, was das bedeutet für Angehörige und Freunde, denen mein aufrichtiges Mitgefühl in diesen schweren Stunden gilt. Wir alle wissen, dass einige von denen, die „nur“ verletzt sind, nie mehr ohne Einschränkungen leben werden können. Diese Menschen und ihre Angehörigen haben einen langen Weg vor sich, wenn der Anschlag schon längst wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Dennoch dürfen sie nicht vergessen werden!

Danken möchte ich aber vor allem den Rettungs-und Pflegekräften, den Polizisten und Feuerwehrleuten, die oft nach einem solchen Einsatz traumatisiert sind und ebenfalls Hilfe brauchen. Auch sie haben einen langen Weg vor sich.

Die Nachwirkungen dieses Anschlags werden uns also noch lange beschäftigen. Sie werden auch politische Auswirkungen haben. Sicherheitskonzepte gehören dazu. Das wird immer gern und lautgefordert. Aber es gibt auch andere, leisere Stimmen, die ebenso wichtige Forderungen stellen. Wir sollten sie nicht überhören: die Bezahlung von Pflegekräften, die Stellensituation im Gesundheitswesen und bei der Polizei, Pflegekonzepte und die Situation von Menschen mit Behinderungen. Nicht nur die direkt vom Anschlag Betroffenen brauchen einen langen Atem; auch die Politik und wir insgesamt als Gesellschaft.

Der Begriff der Wertegemeinschaft wurde in letzter Zeit oft missbraucht. Ich möchte ihn dennoch benutzen. Als Wertegemeinschaft sollten wir alles dafür tun, dass das Kalkül der Terroristen nicht aufgeht: nämlich die Gesellschaft zu spalten.

Zur Spaltung der Gesellschaft braucht der IS mehr als “nur” LKWs und Nagelbomben. Nämlich willige Vollstrecker, die aus dem Inneren des Landes kommen, das angegriffen wird. Hassprediger finden sich nicht nur unter Salafisten, sondern auch am rechten Spektrum unserer Parteienlandschaft.

Wohin blinder Nationalismus und gesellschaftliche Spaltung führen, habe ich ebenfalls durch meinen Beruf gelernt: Ich arbeite seit fast 20 Jahren für Projekte in Bosnien. Dort reiben sich alle gesellschaftlichen Kräfte auf Nebenkriegsschauplätzen auf und das, was uns wichtig sein sollte, kommt unter die Räder: Soziale Absicherung, Bildung, Krankenhäuser u.v.m.

Wir haben konkrete Probleme in unserer Gesellschaft und ich will, dass diese von Profis und erfahrenen Politikern angegangen werden. Zugegeben: auch dann wird es weiter Probleme geben. Aber es bringt nichts, mit der Holzhammermethode erst alles kurz und klein zu schlagen, um sich dann aus den Trümmern etwas zurechtzubasteln. Das hatten wir schon. Das brauchen wir nicht noch einmal. Probleme werden im demokratischen Diskurs gelöst. Schritt für Schritt. Auch wenn es dauert.

Denn gute Politik ist kein Sprint, sondern braucht – einen langen Atem.

Ulrike Blatter

ist Ärztin und freie Autorin

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