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Wie Rechte reden

Von Dr. Daniel-Pascal Zorn | dpz. Bochum – Letzte argumentationslogische Notiz in diesem Jahr: Heuchelei und doppelter Standard

Eines der meistverwendeten argumentativen Mittel der „Rechten“ besteht in der Behauptung von Heuchelei und doppelten Standards auf Seiten der „Linken“ und „Liberalen“. Dabei kommen, abgesehen vom stets involvierten Bestätigungsfehler der Moralismus-Unterstellung, verschiedene Strategien zum Einsatz, die diesem Vorwurf Evidenz verleihen sollen:

• statt einen doppelten Standard nachzuweisen, wird eine Haltung, Absicht oder Disposition unterstellt und dann aus der Differenz von eigener, das Operative betreffenden, Unterstellung und dem tatsächlichen inhaltlichen Aussagen oder Handeln Distinktionsgewinn und eben die „Abweichung“ gezogen, die als Nachweis für den doppelten Standard dienen soll. Zugleich wird ständig lautstark Unterstellung beklagt (was erkennbar selbst ein doppelter Standard ist)

• die Sprechpositionen all derer, die – auf ganz unterschiedliche Weise – widersprechen, werden als „die Linken“, „die Globalisierer“ oder „die Liberalen“ zu einer Feindbild-Position vereinheitlicht. Damit können Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Gegenpositionen für den Vorwurf des doppelten Standards ausgebeutet werden. Zugleich wird die eigene Diversität betont (was, erkennbar, selbst ein doppelter Standard ist).

• dasselbe wird mit aus dem Kontext gerissenen Aussagen gemacht, die, so gelöst, beliebig rekontextualisierbar werden (oft bei Zitaten der Grünen)

• der Widerspruchsnachweis wird ad hominem ausgedehnt, so dass nicht nur gegebene Aussagen und gemachte Handlungen, sondern jeder beliebige Fehler – auch und insbesondere solche privater Natur – zum Maßstab für den doppelten Standard wird. So wäre nur derjenige vor dem Vorwurf sicher, der moralisch perfekt ist – was aus dem Vorwurf des doppelten Standards einen Nirvana-Fehlschluss macht (was erkennbar genau der Moralismus ist, der zugleich unter dem Titel der „politischen Korrektheit“ laufend beklagt wird – was wieder ein doppelter Standard ist)

Diese Strategien besitzen den Zweck, davon abzulenken, dass die „Rechten“ sich an keiner Stelle selbst an die eigenen Standards halten. Dafür stehen ansonsten auch die üblichen rhetorischen Mittel zur Verfügung: Ablenkung, Hinauszögern, Rückfragen und Beweislastumkehren (was wiederum laufend beim Gegner beklagt wird, um strategisch den Patt offenzuhalten) und Derailing.

Die „Rechten“ ignorieren damit immer denselben Aspekt: Begründung, Nachweis, Beleg. Sie benutzen argumentationslogische Begriffe wie Unterstellungen – und müssen dabei ausblenden, dass diese Begriffe sie selbst auf diejenigen Standards verpflichten, die sie an andere anmessen.

Dr. Daniel-Pascal Zorn

ist freier Autor und Philosoph. Deine SPD ist verantwortlich für die parteipolitische Inanspruchnahme dieses Beitrags. Der Autor vertritt darin dezidiert keine parteipolitische, sondern eine philosophisch-argumentationslogische Perspektive. 

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