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Sexuelle Gewalt

Von Astrid Hilt | ah. Neunkirchen – Neujahrstag 2017. Eigentlich wollte ich mir heute einen Tag Ruhe gönnen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und Facebook ignorieren.

Aber dann habe ich mich in eine Diskussion verwickeln lassen, die mir gezeigt hat, dass doch immer noch Bedarf besteht an meinen Geschichten. Es geht um ein Thema, dass ich seit fast 35 Jahren abhaken will. Ich bin jetzt 43, es geht um Gewalt gegen Frauen. In diesem Fall um Gruppengewalt – und natürlich ist der Anlass die Vorfälle am Kölner Dom vor ziemlich genau einem Jahr.

Zwei Männer, die sich mit auf die Diskussion eingelassen haben, haben mich zu diesem Artikel ermutigt.

Einer durch seine aktive Ermunterung, weil er “über die sexuelle Belästigung, die Frauen erfahren, nicht wirklich schreiben kann” (womit er ja auch recht hat) und der Andere durch seine Meinung, dass die Vorfälle in Köln ein neues Phänomen gewesen seien, weil „Gruppengewalt von Männern sonst meist gegen Männer ging“.

Dazu habe ich was zu sagen:

Ich war noch keine 10, als ich mit meiner Cousine unterwegs war durch meinen Heimatort – ein kleines, beschauliches Nest an der französischen Grenze. Als wir an der Brücke ankamen, die die beiden Hälften des Dorfes miteinander verband, riefen uns zwei Jungs aus unserer Klasse. Wir sollten mal runterkommen zum Bach, wo wir uns wirklich ständig aufhielten. Sie wollten uns was zeigen.

Wir dachten gar nicht darüber nach, sondern gingen, ohne zu zögern, dort hin. Unter der Brücke wurden wir dann von zwei oder mehr Jungs festgehalten, während uns zwei andere zu küssen versuchten. Ich konnte mich befreien. Meine Cousine, die älter und größer war als ich, war total überrascht und wie erstarrt. Sie konnte nichts machen.

Als ich 16 war, wurde das Thema “Gewalt gegen Frauen und Mädchen” zum ersten Mal in der Schule behandelt. Ich liebe heute noch meinen Biolehrer dafür, dass er sich so beherzt dafür eingesetzt hatte, dass es diese Möglichkeit überhaupt gab. Er hatte damals in der Projektwoche einen WenDo-Kurs organisiert, zu dem sich Mädchen anmelden konnten, Thema: „Selbstverteidigung und Selbstbehauptung von Frauen für Frauen.“ In diesem geschützten Rahmen konnten wir unsere Geschichten miteinander teilen. Es kam dabei raus, dass sexuelle Gewalt etwas ist, was jede von uns als mehr oder weniger alltäglich erlebte. Erlebnisse wie meines in der Kindheit, die gab und gibt es damals wie heute. Und: es war nicht das einzige, was ich in dieser Art erlebt hatte.

Die Nationalität spielt dabei eine untergeordnete Rolle, auch wenn es kulturell bedingte Unterschiede in den – ich nenne es mal „Techniken“ – gibt.

Es ist nicht sexy, über Erfahrungen aus der Opferperspektive zu berichten – für manche ist es sogar gefährlich. Trotzdem haben es in den letzten Jahren unglaublich viele getan – und ihre Geschichten veröffentlicht. Es sind so unglaublich viele, unangenehme Geschichten, dass sie eigentlich keiner mehr hören kann.

Dann kam Silvester 2015. Und das sollte alles ändern. Plötzlich war das Thema spannend. Menschen machten sich Gedanken darüber, was da geschehen war, stellten sich auf die Seite der Opfer. Und das zurecht!

Einzelne Menschen einzukesseln, um sie dann zu bestehlen und/oder zu demütigen ist Horror. Sowas darf nicht passieren.

Ich halte es für gut und richtig, dass die Polizei in diesem Jahr entsprechende Maßnahmen ergriffen hat, und damit eine Wiederholung verhindert hat. Was im letzten Jahr geschehen war, wurde ernst genommen – endlich, muss ich sagen, denn es ist bei Weitem nicht die Regel, dass Frauen in diesen oder in vergleichbaren Situationen ernst genommen werden.

In meinem Fall waren es ja “nur Kinder”, bei einem anderen Erlebnis mit 15, war es sicher jemand, der Liebeskummer hatte und ich ihn zurückgewiesen hatte.

Aber: Eine Freundin konnte sich in einem ähnlichen Fall von den diensthabenden Polizisten anhören, dass wir jungen Dinger uns nicht wundern brauchen, so, wie wir heutzutage herumlaufen – sie hatte eine schwarze Jeans (Levi 501) an und einen Kapuzenpulli, als sie vergewaltigt wurde. Aber so genau hatten die Polizisten damals nicht hingeschaut.

Ähnliche Geschichten waren zu zigtausenden unter #aufschrei zu finden – bis der Mob sich den Hashtag einverleibt hat, um seine lustigen „islamkritischen“ Sprüche zum Besten zu geben oder seinen Sexismus zu verbreiten.

Will man sich den der Sache stellen, empfehle ich den Roman von Mandy Kopp. In “die Zeit des Schweigens ist vorbei” beschreibt sie ihre Erfahrungen aus ihrer Zeit als 16-jährige Zwangsprostituierte. Die Polizei hatte ihrer Aussage nicht geglaubt und das Mädchen als Prostituierte stigmatisiert, nach dem Motto: “Man weiß ja, dass man einer Hure nicht trauen kann.”

Bis heute muss sie peinlichst darauf achten, dass niemand ihren Wohnort erfährt. Die Polizei hatte zwischendurch ziemlich geschlampt. Die Täter sind heute noch auf freiem Fuß. Der Sumpf wurde bis heute nicht wirklich trocken gelegt.

Das Problem sind nicht kulturelle Unterschiede. Das Problem ist Gewalt gegen Frauen. Rassismus ist nur die andere Seite derselben Medaille. Und wenn heute der Mord an einer jungen Frau in Freiburg zurecht durch die bundesweite Presse geht, dann frage ich mich doch, was mit den anderen Morden, die nicht in der Öffentlichkeit stattfinden, ist.

Laut Polizeistatistik wurde im Jahr 2015 fast jeden Tag eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet. 331 Frauen verloren allein in Deutschland so ihr Leben. Man kann jetzt sagen: Das ist ja was anderes, das war ja keine Gruppengewalt. Natürlich, man kann es immer so auseinanderdividieren, dass man am Schluss auf der Seite der Unschuldigen steht, aber das bringt uns nicht weiter.

Wir müssen reden über das Thema Gewalt, über Sexismus, über Rassismus und darüber, wie wir in unseren Peer-Gruppen Verantwortung übernehmen können. Beziehungsweise darüber, wie Männer Verantwortung übernehmen für Junge, Alte und die dazwischen. Und darüber ob sie es dann tun – oder nicht.

Astrid Hilt

wohnt in Neunkirchen im Saarland. Sie ist ist Steinbildhauerin und selbständige Unternehmerin, seit August 2015 in der Flüchtlingshilfe aktiv. Sie weiß noch nicht, ob sie sich für die SPD oder die Grünen politisch engagieren will.

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