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Der neue Chuck Norris

Von Ingo Brandt | ib. Köln – Martin-Schulz-Memes mir Chuck-Norris-Flair sind gerade der Renner in den Sozialen Medien. Endlich wird eine der etablierten Parteien kreativ, was politische PR angeht!

In den USA weiß man seit den Kampagnen von Obama, Clinton und vor allem Trump – dem ersten Twitter-Präsidenten – dass Wahlen auch und immer mehr im Netz gewonnen oder verloren werden. In Deutschland ist die AfD, die an der Basis nicht im Ansatz die Infrastruktur der Etablierten hat, in großen Teilen ein Internet-Phänomen, das wie ein Staubsauger alle Wutbürger, Knallrechten, Enttäuschten und Querulanten aufsaugt.

Und sie sind gut: AfD-Memes werden sogar von den Gegnern der Partei hunderttausendfach geteilt und kommentiert. Trump hat es vorgemacht: Provoziere, gehe immer mal über die Grenze, und du setzt die Themen! Jeder Shitstorm ist auch unbezahlbare Publicity. Nichts ist schlimmer, als wenn sie gar nicht über dich twittern, facebooken und bloggen. Wer weiß eigentlich, mit welchen Positionen Jeb Bush in den Präsidentschaftswahlkampf gezogen ist?

Trump ist auf Shitstorms ins Weiße Haus geritten.

Die Internetpräsenzen von CDU/CSU, SPD, FDP, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und DIE LINKE wirken dagegen viel zu oft unkreativ, lust- und humorlos und ästhetisch wie aus der Mottenkiste gekramt, sprich: stinklangweilig.

Das Programm der AfD ist nationalistisch, unsozial, voller Widersprüche und grobem Unfug und über allem schwebt deutsche Spießigkeit und Xenophobie. Mir kann doch niemand erzählen, dass nur die schlechten Argumente das Potenzial haben, im Netz viral zu gehen! Es kann doch nicht sein, dass nur die Knallrechten und Neofaschisten Agenda-Setting können! Es ist ja schon nicht mehr mitanzusehen, wie die AfD mit ihren Themen z. B. Thomas de Maizière und Heiko Maas vor sich hertreibt, die sich nach jedem Terroranschlag ein neues Sicherheitspaket aus dem Hintern ziehen müssen, nur um ja öffentlichkeitswirksam Handlungsfähigkeit zu beweisen.

Jetzt hat die SPD Martin Schulz.

Es stimmt, in den projizieren im Moment alle alles hinein. Ich bin auch jeden Tag bass erstaunt, wie ein eher uncharismatischer Mann, der im Grunde dasselbe sagt wie Sigmar Gabriel (der vielleicht sogar der bessere Rhetoriker ist), damit eine völlig andere Aufmerksamkeit in den Medien erfährt.

Es ist hier eindeutig nicht dasselbe, wenn zwei mal das Gleiche sagen. Plötzlich ist da Aufbruchstimmung, Euphorie, eine neueste Umfrage, nach der ihn mehr Deutsche im Kanzleramt haben möchten als Angela Merkel … und sogar Martin-Schulz-Chuck-Norris-Memes, die viral gehen!

Ja, auch ich halte das für ein Mysterium – aber ein gutes. Was kann man denn dagegen haben, dass eine große, linke, traditionsreiche Volks- und Regierungspartei endlich auch mal in den Sozialen Medien punktet? Vielleicht kriegen sie es ja sogar hin, dass im Wahlkampf neben dem Terror und den Flüchtlingen auch mal die Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland zum Topthema wird – oder sogar Europa!

Stimmen, nach denen da zuviel Trump an Schulz im Netz sei, sind falsch (wie das Meike Lauf von der taz beschrieb). Jedes Medium hat seine Gesetze, nach denen man spielen muss, wenn man erfolgreich sein will. Das ist so dumpf-deutsch: Alles, was in der Polit-PR irgendwie kreativ, witzig oder nur auf der Höhe der Zeit ist, assoziiert der deutsche Michel irgendwie mit „unseriös“.

Ingo Brandt

ist Bürger Deutschlands und beobachtet das Wahljahr interessiert.

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